Erste Erfahrungen mit dem Mutter-Kind-Wohnen Arche

Im März 2010 startete unser neues Projekt „Wohnen für psychisch kranke Mütter mit ihren Kindern“.

Inzwischen ist die Arche mit fünf Frauen voll besetzt und dem Projektstadium entwachsen. Lesen Sie im Gespräch mit der ersten Bewohnerin des Hauses, Frau Baum*, und Livia Koller, Psychologin der St. Gregor-Jugendhilfe, über die ersten Erfahrungen.

Gregor: Frau Baum, Sie lebten seit der Geburt Ihrer Tochter vor gut zwei Jahren in München in einer ähnlichen Einrichtung. Warum sind Sie denn in die Arche umgezogen?

Baum: Ich hatte von der dortigen Leitung schon vor zwei Jahren gehört, dass in Augsburg so ein Haus eröffnet werden soll. Und dann auch noch gehört, dass es die St. Gregor-Jugendhilfe ist, Ich habe ja früher mal in der Wohngruppe Mona Lisa gelebt. Da habe ich nie wieder locker gelassen und mich schließlich hier beworben.

Gregor: Warum wohnen Sie denn momentan nicht allein, sondern in einer solchen Gruppe mit Unterstützung?

Baum: Weil Clara* halt immer diese Trotzanfälle hat, damit komme ich halt nicht so klar. Sie trotzt halt manchmal ziemlich heftig. Ich habe mir das Alleinleben mit ihr nicht so zugetraut. Schon am Anfang: das erste Kind – ich wusste gar nicht, ob ich das alles schaffe.

Gregor: Aber Sie haben die Prognose dass Sie dann demnächst auch wieder mit Ihrer Tochter alleine leben können?

Baum: Sollte ich, glaube ich. Im Moment kann ich mir das noch nicht vorstellen. Aber mein Ziel ist es natürlich.

Gregor: Wie läuft denn hier im Haus so ein Tag ab?

Baum: Nach dem Frühstück machen wir die Kinder fertig und dann bringen wir Sie ins Kinderhaus (Derzeit zwei Kinder aus der Gruppe besuchen das St. Gregor-Kinderhaus auf dem Kreuz, Anm. der Redaktion), da fährt immer eine Mutter mit. Dann haben wir Freizeit oder Arztbesuche oder Therapie im BKH oder ich putz mein Zimmer, weil das halt ohne Kind wirklich leichter ist. Eine Mutter kocht für alle und um halb 12 holen wir die Kinder wieder ab. Und nach dem Essen gehen alle erstmal mit den Kindern hoch, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen, zu schlafen oder zu spielen. Nachmittags gehen wir zum Beispiel mit den Kindern raus. Abends essen kann zwar jede wann sie will, aber oft essen wir schon zusammen und dann bringen wir die Kinder ins Bett. Ja und dann müssen wir halt hier noch die Dienste machen, putzen und so.

Gregor: Und mit dem Kind machen Sie alles schon allein?

Baum: Da gibt es auch Unterstützung. Also die Clara* hat mal ne Phase gehabt, da wollte Sie sich nicht umziehen lassen und nicht wickeln lassen und da habe ich mir schon Hilfe geholt, auch bei Claras* Trotzanfällen kriege ich Unterstützung. Da reicht es meistens schon, wenn jemand mitkommt. Oder dass ich mal rausgehen kann und die Betreuerinnen so lange bei der Clara* bleiben. Ich mache jetzt so meine Erfahrungen was ich machen kann.

Die Clara* spricht man in dem Moment am Besten nicht an und lässt sie in Ruhe. Und wenn es einem nicht gut geht kann man natürlich auch immer kommen, auch in der Nacht.

Koller: Ein Nachtdienst ist immer da. Zur Zeit schläft auch ein Baby unten beim Nachtdienst, weil die Mutter es aufgrund der Medikamente einfach nicht hört.

Gregor: Wie bereiten Sie sich denn darauf vor, wieder alleine zu leben?

Baum: Ich versuche, so gut es geht alles selber zu machen mit der Clara*. Und ich bemühe mich viel mit ihr raus zu gehen, auch mit den anderen Müttern. Das ist für mich schwierig, Rausgehen und so. Aber das brauche ich ja auch, wenn ich dann in einer eigenen Wohnung bin.

Gregor: Und am Wochenende?

Baum:Erst mal ausschlafen, dann frühstücken wir halt meistens alle zusammen, und ich mach oft was mit der Frau Höferl* weil der Max* halt in Claras Alter ist. Und alle zwei Wochen kann man heimfahren.

Koller: In den ersten vier Wochen sollen die Mütter erst einmal hier sein. Aber dann besteht die Möglichkeit heimzufahren. Frau Baum fährt zu Ihren Eltern, auch weil die Clara* sehr gerne bei Ihrer Oma ist. Zwei Mütter leben in einer festen Beziehung und haben einfach Sehnsucht nach Ihrem Partner und wollen dann dort sein.

Was ich noch ergänzen wollte: es gibt hier auch Angebote, wie Basteln oder Walken. Dann gibt’s montags die Hausgruppe, da wird das Putzen und der Essensplan besprochen, wer macht was, wer kauft ein usw. Und ich mache donnerstags die therapeutische Gruppe, da sind alle Mütter dabei. Wir sprechen über ihre Probleme und jede legt für sich fest, was möchte ich in der nächsten Woche erreichen und schauen hinterher: wie war die Woche, gab es Rückschritte oder Fortschritte?

Gregor: Und das machen Sie in der Gruppe?

Koller: Genau. Das ist sehr intensiv und hilfreich, weil die Mütter sich auch untereinander ganz gute Tipps geben. Und es ist auch manchmal lustig. Letzte Woche sagte zum Beispiel eine Mutter mit Wochenbettdepression zu einer nicht depressiven Mutter, ‘du musst das positiv sehen’. Und Frau Baum ist schon erfahrener, weil Ihre Tochter schon zwei Jahre alt ist und kann zu einer Säuglingsmutter sagen, ‘Ach, das war bei mir auch so, du schaffst das schon´. Ich finde da ist sehr viel Potenzial drin, dass die Mütter sich gegenseitig Unterstützung geben. Eine Mutter sucht gerade unbedingt einen Therapeuten, die andere Mutter hat Angst davor, ihre Vergangenheit zu besprechen. Wenn die andere Betroffene sagt ‘Doch, Therapie ist gut´, dann ist das viel besser, als wenn ich das als Psychologin sage.

Baum: Ja das stimmt. Ich find’s gut, wenn man sich gegenseitig helfen kann.

Gregor: Und wie geht es weiter?

Baum: Mittlerweile geht’s mir schon besser. Es ist ja geplant, dass hier von der Arche noch mal ne Wohnung gibt für zwei Frauen wo man danach hin kann und wo man dann auch noch betreut wird.

Koller: Das wäre etwas, das man Ihr zutrauen würde. So Stück für Stück. Sie sagt zwar, dass sie eigentlich gern hier bleiben möchte, aber irgendwann müssen wir sie dann ein bisschen schubsen. Dann gäbe es noch Ansprechpartnerinnen vom Team, die sie begleiten aber sie würde trotzdem schon mal alleine wohnen. Andere wollen möglichst schnell hier viel mitnehmen und dann ausziehen. Eine Mutter ist sehr motiviert, will ihre Therapie machen und möglichst schnell zurück. Da muss man eher sagen, dass es auch ein bisschen Zeit braucht – in acht Wochen geht das nicht.

Baum: Und ich bin ja ursprünglich aus Augsburg und wollte unbedingt wieder zurück. Ich habe Eltern und Freunde in der Nähe. Ich denke, das braucht man auch wenn man dann auszieht, so ein Paar Kontakte außerhalb, sonst versinkt man in seiner Wohnung.

Gregor: Frau Baum war ja schon in der Mädchenwohngruppe Mona Lisa und lange von der Gregor-Jugendhilfe betreut, dann im Thomas-Breit-Haus und sie hat mehrere Psychiatrieaufenthalte wegen Ihres Borderline-Syndroms hinter sich. Was können Sie denn hier für sie tun, dass sie den großen Schritt in die Selbständigkeit schafft?

Koller: Ich finde, dass Frau Baum das hier schon toll macht mit Ihrer Tochter. Man merkt, dass sie einfach schon profitiert hat von diesem Konzept: Mutter-Kind-Einrichtung. Die Bindung ist gut zwischen den beiden. Die Clara hat extreme Trotzanfälle und Frau Baum fällt es noch schwer ruhig zu bleiben und dann auch Grenzen zu setzen. Sie braucht noch Unterstützung um konsequent zu sein und trotzdem im liebevollen Kontakt zu bleiben und nicht das Kind dann anzuschreien. Das war ein Schritt, den sie vorgenommen hatte, weil sie das einfach schrecklich findet. Aber manchmal wenn man wütend ist, kann man das ja auch verstehen. Aber dann muss man trotzdem Grenzen setzt und lieber dann mal rausgehen, anstatt das Kind anzuschreien und damit die Beziehung zu belasten.

Und ich denke, Frau Baum, das ist auch was, das sie schon gelernt haben, was sie schon versuchen umzusetzen, was schon besser wird. Zu lernen, mit den eigenen Gefühlen besser umzugehen, das ist auch etwas, was ich in der therapeutischen Gruppe erreichen möchte. Dass die Mütter reflektieren, wie sie mit ihren Kindern umgehen, wie ihre eigene Stimmung eigentlich auf die Beziehung zum Kind übergeht und da macht die Frau Baum auch sehr engagiert mit, also da ist sie eigentlich sehr offen.

Was sie wie gesagt noch ein bisschen braucht, ist so ein Schubs. Zum Beispiel, um dann auch mal jetzt zum BKH (Bezirksklinikum) in die Rückengruppe zu gehen.

Gregor: Was für eine Gruppe?

Koller: Rückengruppe. Die Mütter haben ja die Möglichkeit, im BKH in der Ambulanz an Therapiegruppen teilzunehmen. Die Mütter gehen ja auch einmal im Monat zu einem der Ärzte von der Ambulanz. Wegen ihrer Tabletten etc. werden sie da betreut und es gibt auch Angebote für alle ambulanten Patienten dort, Stabilisierungsgruppe, Arbeitstherapie, Beschäftigungstherapie und so weiter. Und eben auch die Rückengruppe. Und die Frau Baum hat es mit dem Rücken.

Baum: Aber es ist jetzt besser mit den Schmerzen.

Koller: Ja. Aber es fällt ihr noch schwer, dahin zu gehen wo sie niemanden kennt, nicht? Genauso ist es mit der Therapie: Die erste Therapeutin, die wir gesucht haben war nichts, das ist nicht gut gelaufen. Und jetzt will Frau Baum nicht mehr. Und da braucht sie noch mehr Unterstützung und auch bisschen den Schubser, damit sie sagt: ‘das mach ich jetzt und das schaff ich auch´.

Gregor: Und gäbe es sonst noch etwas zu ergänzen?

Koller: Dass sich auch die Clara hier wohl fühlt, dass sie z. B. gerne ins Kinderhaus geht. Das finde ich auch wichtig und das ist auch für sie wichtig, Frau Baum, nicht? Dass die Kinder sich wohl fühlen, dass sie, wie die Clara, lieber unten spielen, lieber eigentlich als oben in ihrem Zimmer, obwohl sie auch oben ein schönes Zimmer haben. Und dass sich auch die anderen Mütter sich alle sehr wohl fühlen hier. Also ich finde schon, das bereits ein großes Gemeinschaftsgefühl da ist, also dass die Frauen auch gerne Abends hier im Fernsehzimmer sitzen, obwohl jede oben ihren Fernseher hat. Nur eine Mutter hat sich ein bisschen zurückgezogen. Das hier ist ein kleiner familiärer Rahmen, oder WG-mäßig.

Baum: Hier ist es einfach klein und gemütlich und es gefällt Clara gut. Und das finde ich halt wichtig, dass es der Clara wirklich gut geht und dass es ihr gefällt.

* Namen geändert