Interview mit Maria Aarts

Im Rahmen eines Fachtages in unserem Hause hatten wir die Gelegenheit, mit Maria ein Interview zu führen.

Die von Maria Aarts entwickelte Methode versetzt Beraterinnen und Berater dazu in die Lage, Veränderungsprozesse bei Eltern und Kindern mit konkreten und für sie verstehbaren Informationen zu begleiten und zu fördern. Marte Meo (lat.) bedeutet so viel wie etwas „aus eigener Kraft erreichen“. Maria Aarts hat in den vergangenen Jahren weltweit Zehntausende begeistert. Das hat gute Gründe: Ihre Methoden sind wirksam, konkret und einfach aufgebaut, sie werden unmittelbar von den Menschen verstanden und sie sind leicht in viele Kontexte übertragbar. Anwendungsfelder sind z. B Autismus, delinquente Jugendliche, bindungsgestörte Eltern, jugendliche Mütter, Demenz im Alter, sozialpsychiatrische Kontexte etc. …Ihre Methode kommt in der St. Gregor-Jugendhilfe in der Arche – Wohnen für psychisch kranke Mütter mit ihren Kindern – zum Einsatz, weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden derzeit geschult.

Gregor: Können Sie unseren Lesern ganz kurz erläutern, warum sie Ihre Methode Marte Meo entwickelt haben und wie?

Aarts: Weil Eltern uns Spezialisten meistens nicht gut verstehen können, wenn sie Informationen brauchen über die Erziehung ihrer Kinder. Das habe ich schon entdeckt, als ich noch jung war und selber als ‘Spezialistin’ in einem Heim gearbeitet habe. Da kam eine Mama zu Besuch und hat gesehen, dass ich fähig war, mit ihrem autistischen Sohn in Kontakt zu kommen. Sie hat angefangen zu weinen und gesagt: „Maria das ist mein Sohn. Ich bin seine Mama. Wenn du weißt, wie man mit diesem Kind in Kontakt kommt, warum kannst du mir das nicht beibringen.“ Damit hat es angefangen, dass ich Eltern beraten habe, wie man ein Kind mit Autismus erzieht und ihnen dabei geholfen habe, spezielle elterliche Fähigkeiten zu entwickeln.

Gregor: Bereits zu Beginn ihres Berufslebens haben Sie begonnen, mit der ganzen Familie zu arbeiten, nicht nur mit den Kindern, die Störungen zeigten. Warum das?

Aarts: Weil eine Familie ein System ist, in dem es ganz viel Zeit, Liebe und Motivation gibt, um dem Kind zu helfen, das Unterstützung braucht. Man muss nur zeigen, wie alle in der Familie damit umgehen können, wie alle mitmachen können. Sonst ist es eine große Belastung auch für die anderen Kinder, in einer Familie mit einem Kind aufzuwachsen, das spezielle Bedürfnisse hat. Zu dem schnell die ganze Aufmerksamkeit geht. Mit den Eltern können wir ein Gleichgewicht finden. Auch mit den schönen Momenten mit den Kindern. Es gibt so viel schöne Momente, die die Eltern genießen sollten und die ihnen Energie geben können. Diese Extraenergie können sie einsetzen um das Kind zu erziehen, das spezielle Unterstützung braucht: ADS-Kinder, Kinder mit einer Behinderung, Downsyndromkinder…

Gregor: Sie nennen Ihre Methode ein „Entwicklungsunterstützungsprogramm“. Wer soll sich hier eigentlich entwickeln: die Eltern oder die Kinder?

Aarts: Alle! Jeder kann sich entwickeln. Eigentlich braucht das Kind Unterstützung. Wir gucken, ob die Eltern die Fähigkeiten entwickelt haben, die man braucht, um so ein Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen. Wenn die bei den Eltern nicht entwickelt sind, helfen wir den Eltern, sie zu entwickeln. Es ist also eigentlich keine Frage ob man das Kind oder die Eltern unterstützt. Das ist immer eine Interaktion. Daher ist Marte Meo auch eine Interaktionsanalyse-Methode: wir gucken, ‘zeigt das Kind was es braucht und können die Eltern das geben’. Wenn nicht, dann helfen wir ihnen, die nötigen Fähigkeiten zu entwickeln. Und mit Videounterstützung gucken wir: entwickelt sich das jetzt auch?

Gregor: Und warum braucht man die Technik dazu, warum arbeiten Sie mit Video?

Aarts: Es funktioniert auch ohne Video, aber mit Video geht es viel besser. Weil Bilder so stark sind. Wenn ihr Kind eine bestimmte Reaktionen von Ihnen braucht, Sie tun genau das ein Mal, und ich habe das Kind dabei in der Nahaufnahme gefilmt, so dass Sie seinen Gesichtsausdruck sehen können: ‘Ja, das war richtig, das gibt ihm Sicherheit. Dann verstehen Sie. Wir tun das im Moment in Australien mit Aboriginal-Familien: Wir üben mit Eltern zu benennen, was das Kind tut. Sie sagen: „oh, du spielst mit dem Ball“ und wir filmen, wie das Kind dann schaut: „He, Papa sieht mich, Mama sieht mich“ und dann verstehen die Eltern auf ihrem Niveau anhand der Bilder: „ so wichtig bin ich für mein Kind, so viel macht das aus, was ich tue. So kommt das an! Das nennen wir in Marte Meo ‘One, what and what to’: ‘one’, wenn das Kind mit einem Ball spielt, ’what‛: wenn es in ihren Armen spielt mit dem Ball, ’what to‛: Sprachentwicklung, Unterstützung, das Kind kriegt mit, ‚Mama sieht mich, die ist bei mir, oh, ich hab interessante Ideen, die findet das gut.

Gregor: Das Projekt, für das wir nach Augsburg holten, war zunächst unser neues Wohnen für psychisch kranke Mütter mit ihren Kindern. Wie kann die Methode gerade diesen Frauen helfen?

Aarts: Diese Mütter brauchen noch mehr Information, weil sie so viele Probleme im Kopf haben. Sie müssen noch genauer und noch praktischer sehen, wie sie trotzdem teilweise die Erziehung ihres Kindes übernehmen können. Aufgrund der Krankheit und der Medikamente gehen ihnen oft wichtige Fähigkeiten verloren. Also beobachten wir: was braucht das Kind? Was kann die Mama geben? Was das Kind darüber hinaus braucht, lassen wir ihm von Profis geben, ganz gezielt.

Wir machen das seit 30 Jahren: zunächst eine Doppeldiagnose von Mutter und Kind. Dann fangen wir an, mit der Mama ihre elterlichen Fähigkeiten zu trainieren. Je mehr sie wieder geben kann, desto mehr kann der Profi sich zurückhalten. Aber wir können die Kinder in diesem Fall nicht einfach bei der Mama lassen, wenn die dem Kind im Moment nicht geben kann, was es braucht. Kinder können nicht warten mit ihrer Entwicklung. Also müssen wir dafür sorgen, dass sie so lange eine gute Kindertagesstätte haben.

Das machen wir in Skandinavien oft. Die Kindertagesstätten-Mitarbeiter sind auch ausgebildet in Marte Meo. So hat die Mutter die Möglichkeit, ihr Kind doch zu behalten. Und die emotionale Verbindung wird nicht gekappt. In diesem System können wir beobachten: wie weit kann diese Mama sich entwickeln? Kann sie überhaupt ihr Baby behalten? Oder kann sie teilweise noch mitmachen bei der Erziehung? Oder wir merken sogar: sie hat sich so gut entwickelt in ihrer psychischen Krankheit, das schafft sie selbst. Wir haben große Erfolge damit. Als wir in einem Institut angefangen haben, konnten nur drei Mamas von zehn ihr Kind behalten. Und nach zwei Jahren waren es sieben von zehn. Natürlich können nicht alle sich dazu entwickeln, eine gute Mutter zu sein. Manche haben sehr große Störungen oder Rückfälle, oder werden so depressiv, dass es nicht geht.

Gregor: In unserer Einrichtung haben wir eine breite Palette von Angeboten für Familien: von niedrigschwelligen Angeboten wie Familienbüros mit Beratung und Bildung, über tagesstrukturierende Maßnahmen wie Tagestätten und ambulanten Maßnahmen wie Erziehungsbeistände, die in die Familien gehen, bis hin zu Heimgruppen. Wie können denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Bereichen von Marte Meo profitieren?

Aarts: Alle, die Entwicklung unterstützen wollen, können die Methode nutzen. Egal ob Lehrerin oder Erzieherin, denn es geht es um den täglichen Umgang. Wir wenden uns an ungefähr 30 Berufsgruppen, an Kinderärzte, an Pflegerinnen, in der Altenpflege ― überall kann man das benutzen. Die Krippen-Erzieherin zum Beispiel in der Sprachentwicklung: Man beobachtet: das Kind schaut nach der Milch. Dann kann sie sagen: „ach du suchst die Milch“ und dann: oh, jetzt trinkst du Milch“, später: „du hast aber viel Milch getrunken“, „oh, guck mal, Jonathan trinkt auch Milch“ … So entwickelt das Kind die Sprache.

Mit Marte Meo haben wir ganz konkrete Informationen darüber bekommen, wie man Entwicklung im normalen Alltag unterstützt, wie man das ganz konkret tut. Immer wenn es um den Umgang mit Menschen geht: Kommunikation, Entwicklung, Unterstützung, Begleitung vom Alltag. Und dann berate ich mit Marte Meo Eltern auch zum Thema Leiten und Folgen. Folgen, um das Kind seine Persönlichkeit entwickeln zu lassen: seine spontane Initiative zu spielen, Phantasie auszuleben, sich selber einzusetzen. Die Natur hat das klug eingerichtet. Hinter der eigenen Initiative kommt ein Energiestrom. Aber anderseits muss das Kind lernen, Leitung zu akzeptieren. In gewissen Situationen sollten die Eltern die Leitung haben. Das Kind sollte von klein auf üben, sich dem entsprechend zu verhalten. Es geht nicht immer um das, was man will, sondern oft um das, was man tun sollte.

Gregor: Sie sprechen auch davon, wichtig es ist, Kinder dabei zu unterstützen, eine gute Verbindung zu ihrer inneren Welt zu entwickeln. Was bedeutet das und wir kann man dabei unterstützen?

Aarts: Ich bin religiös. Ich denke, man muss allen Kindern etwas Spezielles schenken. Ich nenne das eine Goldmine. Die trägt man in sich, aber ob man sie entwickeln kann hängt davon ab, ob jemand dir hilft, dich selber zu verstehen. Ob Eltern dem Kind helfen, sein Interesse weiter zu entwickeln an seiner eigenen Goldmine, seinem Sinn für Schönheit. Dann bekommt es ein sehr reiches inneres Leben. Ich finde: wenn man Kinder viel zu viel ‘amüsiert’, gibt man ihnen nicht die Gelegenheit, aus ihrem Inneren etwas hochkommen zu lassen.

Wenn man die Natur beobachtet, weiß man einfach: wir mit unserem kleinen Kopf können das nicht so entwickelt haben. Das muss ein ‘größere Kopf’– ich nenne das dann Gott, andere Menschen in anderen Ländern nennen das Buddha, Allah oder einen Naturgott – sich ausgedacht haben. Wie unglaublich schön und detailliert und gleichzeitig einfach alles in der Natur organisiert ist. Mit welchen Möglichkeiten Kinder geboren werden, wie Eltern normalerweise von allein wissen, was man tun muss, damit die Kinder sich entwickeln. Wie sich Vertrauen und Empathie aufbauen. Wenn jemand mir sagt: Maria du hast so etwas Phantastisches entwickelt, so was Geniales – dann sage ich: ich habe einfach kopiert. Alles, was ich in den Büchern geschrieben habe, ist eigentlich nur eine Kopie davon, wie das eigentlich gemeint war.