Gespräch mit Pfarrer Dr. Michael Mayr

Studium in Rom, Promotion, dann Gemeindepfarrer, Friedensaktivist, Diözesanjugendpfarrer, Klinikseelsorger, Regionaldekan – einen Mann mit vielen Facetten hatte der Bischof zwanzig Jahre lang als pastoralen Begleiter der St. Gregor-Jugendhilfe benannt. Zu den Kindern und Jugendlichen hatte er einen ganz besonderen Zugang, aber auch die pastorale Arbeit im Haus hat sein liebender und gleichzeitig kritischer Geist geprägt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Hauses schätzen und achten ihn daher sehr. Am 28. Mai 2011 bedankt sich die St. Gregor-Jugendhilfe mit der Gregor-Medaille in Gold.

Gregor: Herr Mayr, wieso haben Sie sich nach einer zunächst wissenschaftlichen Karriere in Rom für den Dienst in der Gemeinde entschieden?

Mayr: Viele meiner Mitstudenten in Rom wollten Universitätskarriere machen und haben keinen Platz bekommen – es gab da nicht so viele Stellen wie heute. Ein Mangel war dagegen an Pfarrern, an Seelsorgern und ich dachte mir: ich gehe lieber da hin, wo ich gebraucht und erwartet werde.

Gregor: Dann hat Ihre Gemeinde in Oberottmarshausen Sie gestärkt, als es nötig war …

Mayr: Es ist unglaublich, wie eine Gemeinschaft einen tragen kann. Erst als ich mein Leben als Rollstuhlfahrer ganz umstellen musste, habe ich das gemerkt. Plötzlich als Rollstuhlfahrer vor Menschen zu sein – den Mut hätte ich kaum aufgebracht, wenn nicht die Menschen in Oberottmarshausen gesagt hätten: komm zu uns. Das hat mich getragen. Und sie haben mich überall hin geschoben und getragen, so konnte ich alle Dienste machen und überall dabei sein. Auf der anderen Seite wird auch eine Gemeinschaft stärker dadurch, dass sie gefordert ist.

Gregor: Lässt sich das übertragen auf unsere Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Mayr: Das habe ich einmal in einer Außenwohngruppe erlebt. Da war ein kleiner Junge aus Afghanistan, acht Jahre alt, konnte kein Wort Deutsch. Die anderen in dieser Gruppe haben alle diesen Jungen gestützt. Haben sich mit Gesten verständigt: „Allah“, das haben alle gekannt. Da hat er gestrahlt. Aber da steckte auch ein sehr guter Mitarbeiter dahinter, denn das geht nicht von alleine. Ich habe vor den Sozialpädagogen den größten Respekt: was sie leisten, indem sie eine Gruppe zu einem tragenden Gefüge formen.

Gregor: Was sind die Aufgabe des pastoralen Mitarbeiters in der St. Gregor-Jugendhilfe?

Mayr: Er begleitet zum Beispiel die Taufe. Ein Sakrament bleibt ein Geheimnis. Aber Stefan Bauer, der pastorale Mitarbeiter mit dem ich die längste Zeit zusammengearbeitet habe, hat ein Vertrauen aufgebaut, dass er die Kinder so führen konnte, dass sie zumindest das verstehen, was man verstehen kann. Und die Gemeinschaft des Glaubens kennen lernen. Deswegen er die Jugendlichen mitgenommen zum Diözesanen Jugendtag, zum Weltjugendtag, nach Taizé, nach St. Ottilien, dorthin, wo Jugendliche sich treffen und wo sie Gemeinschaft erleben. Damit sie sehen können: das ist schön, das ist gut, da möchte ich vielleicht auch dazu gehören.

Gemeinsam haben wir uns gefragt: was bedeutet so ein katholisches Profil? Genügt es, wenn wir ordentliche Menschen sind? Wenn wir einfach die Grundtugenden des Lebens üben? Macht das Kinder zu anständigen Menschen? Macht das zum Christen? Dass ein Christ ein anständiger Mensch zu sein hat, mit einem sozialen Bewusstsein für Mitzugehörigkeit und Mitverantwortung, das ist natürlich die Voraussetzung. Die Tugenden eines Christen, der sich selber, Gott und den Nächsten lieben soll. Aber: wie kommen wir zum Glauben an Gott bei Kindern? Auch Kindern ist der Glaube an Gott eine Lebenshilfe, manchmal eine Überlebenshilfe, aber es hat nicht jeder den Zugang zu Gott. Es ist eigentlich der Zugang von Gott zu uns und ist eine Gnade, ob einer den findet oder nicht. Es ist ein Bündel von Einflüssen und Motiven, die das ermöglichen.

Das habe ich hier bei einem Mädchen erlebt wie nie zuvor. Sie kam zur Taufe und der Vater war nicht da. Große Aufregung. Sie hatte sich so gefreut auf den Vater und jetzt war er nicht da. Und dann sagte ich – das gehört zur Taufe – dass dieses Kind einen Vater im Himmel hat und dass sie sein Kind ist, ein Gotteskind. Was es heißt, ein Gotteskind zu sein für ein Kind, das keine zuverlässigen Eltern hat, ist unglaublich. Wie stolz das Kind war, die Taufkerze zu tragen – das hat mich zutiefst bewegt.

Das meine ich: religionssensible Erziehung passiert auf allen möglichen Wegen. Für den einen ist es einfach das Hineinwachsen in eine Gemeinschaft, für den anderen ist ein besonderes Erlebnis, für den Dritten ist einfach ist eine unglaubliche Sehnsucht nach etwas, das stabil ist, das zuverlässig ist. Der Glaube sagt das doch, treu sein fest im Glauben.

Gregor: Was war ihnen selbst in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen besonders wichtig?

Mayr: Glauben teilen ohne Leben teilen, das geht nicht. Ein Wort muss mit Leben gefüllt sein, mit meinem Leben. Was ich in Rom in der Praxis gelernt habe, hat mir sehr geholfen. Da habe ich mit den Jugendlichen das Leben geteilt. Die jungen Burschen haben uns provoziert, wollten uns verlocken. Aber das war nicht möglich. Da habe ich gemerkt: nur wenn man mit ihnen lebt begreifen sie es. Ich habe keine Angst mehr gehabt vor den wildesten Jugendlichen hier. Denn ich habe als Kaplan gearbeitet bei denen, wo sonst kein Pfarrer hingeht. Das war meine Art, Priester zu sein und unter den Menschen zu sein. Ohne den Dünkel, mehr zu sein oder studiert zu haben, auf keiner höheren Stufe zu stehen. Die menschliche Ebene ist immer entscheidend.

Gregor: Was möchten Sie unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit auf den Weg geben?

Mayr: Die brauchen selber jemanden, auf den sie ihre Last und ihre Sorgen werfen können. Genau wie die Kinder. Ich möchte Ihnen sagen, dass es das ist, was Jesus getan hat: sich den Schwächsten zugewandt, die Außenseiter hereingeholt. Unsere Aufgabe ist es, das Evangelium zu praktizieren. Am Ende werden wir nicht nach unseren Kirchgängen gefragt, sondern, ob wir das getan haben, was die Werke der Barmherzigkeit sind. Und es ist ein großes Werk der Barmherzigkeit, wenn man sich dieser Kinder annimmt.

Gregor: Sie gelten als kritischer Geist, waren beispielsweise lange bei pax christi, der Friedensbewegung der katholischen Kirche engagiert.

Mayr: Das war während des kalten Krieges. Wegen der Nachrüstung, die unglaubliche Summen verschlungen hat, die eigentlich den Armen gehörten. Das Konzil in Rom, das ich damals miterlebt habe, hat das auch so gesehen. Ich habe das einfach gesagt. Natürlich bin ich damit angeeckt. Sicher auch in der Gemeinde. In der Diözese galt ich schon als links, wenn ich nur gesagt habe, was unsere Kirche offiziell sagt. Kann man da schon kritisch sagen?

Und dann kam die Debatte mit den Atomkraftwerken, auch in den siebziger Jahren. Die waren genauso „notwendig“. Dazu habe ich mich auch öffentlich geäußert. Weil klar war, das ist etwas, das der Mensch nicht verantworten kann, wenn es zum GAU kommt. Das ist über die Fähigkeiten des Menschen hinausgewachsen. Natürlich habe ich das gesagt und ging mit zu den Demonstrationen. Auch die Bischöfe haben damals ein Schreiben herausgegeben „Verantwortung vor der Schöpfung“, eine kritische Stellungnahme. Es war klar: wenn man das ernst nimmt, darf man keine AKWs bauen. Kardinal Höffner, der damals Vorsitzender der Bischofskonferenz war, war Sozialethiker – und gegen AKWs. Und ich habe eigentlich nur die Stimme der Bischöfe vertreten. Damit hat man Anstoß erregt.

In der pax christi-Bewegung ging es um das ‚Bild’, das man vom Osten hatte, um das Feindbild. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aber es gab immer Dissidenten, gab eine Untergrundkirche. Wir waren oft in Tschechien und haben die Menschen besucht. Denn das hat ihnen gut getan, wenn offen Leute vom Westen da waren. Dem Bischof in Prag zum Beispiel, dem Kardinal Tomášek. Für andere war es gefährlich, Kontakt zum Ausland zu haben. Die musste man heimlich besuchen. Und doch hat es ihnen gut getan, weil sie gewusst haben, sie stehen nicht allein. Wenn ihnen etwas passiert, dann weiß es das Ausland. Friedensarbeit war nicht nur protestieren, sondern dass man unterdrückten Menschen hilft. Und dass wir ein anderes Bild gewinnen vom Ostblock. Dass man erkennt, mit Bomben treffen wir Menschen – auch solche, die mit dem Kommunismus nichts zu tun haben. Das war meine Arbeit in pax christi, seit dem Studium in Rom. Das Konzil hat mich durchdrungen; und es hatte eine klare Friedensorientierung.

Aber es hat keiner gelesen. Das Konzil war vorbei und dann war die Hauptsache: die Lithurgie umzustellen. Aber die Weisungen des Konzils gingen weiter: Kirche nach außen zu sein, für die Würde des Menschen einzutreten, für die Würde jeden menschlichen Lebens. Auch in der Lithurgie war damals vieles möglich, was später wieder eingeengt wurde. Ich habe mich in diese Enge nicht mit hineinziehen lassen. Ein Gottesdienst war immer Ehre Gottes und Heil der Menschen. Ein wirklicher Gottesdienst hat immer den Blick auf die Menschen, wie ihre Situation ist, was sie brauchen. Aber der Blick auf die Menschen wird heute nicht mehr als notwendig gesehen. Der Grund für den Rückschritt scheint mir zu sein, dass man denkt, wir machen weniger falsch, wenn wir nur Anbetung machen nach ‚vorne’ oder nach ‚oben’, als wenn man sagt: Er ist mitten unter euch! Es wäre praktisches Christentum, sich zu engagieren in der Welt – so wollte uns jedenfalls das Konzil haben.

Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die durch die Zeit gehen. Volk Gottes auf dem Weg durch die Zeit. Sie muss lebendig sein und in Bewegung bleiben. Die Form hat sich immer geändert und wird sich auch jetzt, ja muss sich ändern. Die Welt ist anders geworden, vielfältig und plural. Und wie wir uns einzustellen haben in dieser pluralen Welt, darüber müssen wir reden. Es gibt wahrscheinlich viele Zugänge zu den verschiedensten Milieus. Die muss man nebeneinander bestehen lassen und nicht uniform einen Weg gehen.

Gregor: Nun haben sie im Alter von über 70 Jahren und nach mehr als 40 Jahren Tätigkeit als Priester ihre Ämter niedergelegt. Was haben Sie nun vor, was sind Ihre nächsten Wünsche und Pläne für Ihr Leben?

Mayr: Meine Wünsche und Pläne sind stark reduziert durch meine Behinderung. Ich hätte viele Wünsche und Pläne gehabt: mir in der Welt noch ein paar Dinge ansehen, die schon immer ein Traum waren. Da habe ich wahrscheinlich mehr Wünsche und Sehnsüchte als ich mir erfüllen kann. Aber das macht nichts. Die weite Welt lockt mich, auch wenn sie zum Beispiel nur in Italien ist, vielleicht Spanien. Ein großer Traum ist, einmal transsibirische Eisenbahn zu fahren. Aber man muss mit den Ressourcen haushalten, die man hat. Ich bin vorläufig dankbar, dass ich überhaupt 70 Jahre alt geworden bin und dass ich nicht jetzt schon noch schwerer behindert bin. Das ist schon ein Wunder.

Und ich möchte mich auch auf das Lebensende vorbereiten. Das muss nicht mein letzter Lebensabschnitt sein, weil heute das Leben auch im Pensionsalter noch sehr vielfältig ist. Aber es kann. Und die Möglichkeit dass ich sterbe oder dass irgendetwas passiert, was wir meine Träume nimmt, ist noch größer geworden als früher schon. Ich lebe einfach und lebe gerne.

Das Interview führte Daniela Lutz am 11. Mai 2011