Interview mit Jürgen Reichert

Das Interview führte Daniela Lutz im Oktober 2011 anlässlich seines 60zigsten Geburtstags mit dem damaligen Direktor Jürgen Reichert für die Hauszeitung „Gregor“.

Gregor: Herr Reichert, vor zwanzig Jahren kannten Sie noch alle Kinder und Jugendlichen im Haus mit Namen. Bedauern Sie es, heute nur noch wenig Gelegenheit zur aktiven Teilhabe an der Pädagogik zu haben?

Jürgen Reichert: Natürlich hätte man als Einrichtungsleiter gern öfter unmittelbaren Kontakt zu Kindern, Jugendlichen und zu den Familien. Andererseits hat jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen. Als ich hier angefangen habe, war die Einrichtung so klein, dass sie nicht überlebensfähig war – dafür kannte man jedes Kind persönlich. Zwischenzeitlich ist ein Paradigmenwechsel eingetreten. Früher dachte man, wenn Kinder einmal im Kinderheim sind, sind sie dort, bis sie erwachsen sind. Heute denkt und handelt man sozialraumorientiert. Die St. Gregor-Jugendhilfe ist jetzt diversifiziert im Angebot, flexibel in ihrer Arbeitsweise und hat auch völlig neue Felder aufgegriffen wie die Jugendsozialarbeit an Schulen. Bei einer Einrichtung der heutigen Größenordnungen braucht man natürlich jemanden, der alles steuert, die Einrichtung auch in die Zukunft führen kann. Da gehört auch der Kontakt zu den Kindern dazu, aber er kann keinen großen Raum mehr einnehmen.

Gregor: Und wie erhalten Sie sich dann heute die realistische Einschätzung der Arbeit im Haus?

Jürgen Reichert: Man muss selbst seine eigene Haltung ständig überprüfen und am Organisationsziel ausrichten. Das ist bei uns im Leitbild verfasst. Das wichtigste ist für mich, empathisch zu bleiben. Also zu wissen, was geht in den Kindern, Jugendlichen und Familien, für die wir da sind gefühlsmäßig vor. Und zumindest sporadisch einen Einblick zu bekommen. In Krisen, bei Elterngesprächen oder bei Begegnungen mit Kindern versuche ich mir Zeit einzuräumen, möglichst noch die ganze Bandbreite zu haben, von der Feier der Kommunion bis hin zu den Problemen der Familien. Ich denke, den Einblick habe ich noch.
Und man braucht gute Mitarbeiter, die einem das Wichtigste vermitteln. So kann ich auch heute noch eine weitgehend realistische Einschätzung über die Lebensbedingungen der Kinder haben, für die wir da sind.

Jürgen Reichert: Was einem Freude macht, belastet einen nicht. Mir macht das, was ich hier tue, Spaß. Vor allem freue ich mich an den vielen Erfolgen, die wir haben. Erfolg ist ein gutes Mittel zur Motivation – das bedingt sich gegenseitig. Und ich versuche darauf zu achten, dass Menschen, die um mich herum arbeiten, nicht in Überforderungssituationen kommen. Ich nehme mir Zeit, wenn Menschen in persönlichen Krisen stecken. Oder wenn sie sagen „Stopp Chef, so schnell geht’s nicht, so komm ich nicht mit.“ Ich versuche, allen Beteiligten auch Atempausen zu ermöglichen.
Letztendlich bin ich „streng aber gerecht“ mit einem klaren, kooperativen Führungsstil. Ich übertrage also auch viel Verantwortung. Je mehr ein Mitarbeiter selbstverantwortlich erledigen kann, desto motivierter ist er, desto mehr bemüht er sich um ein gutes Ergebnis. Ich denke, da gilt das gleiche wie für mich selbst: ein Mitarbeiter, der Spaß an der Arbeit hat und den Raum dafür bekommt, der arbeitet gern und bringt eine gute Leistung. Das selbstverantwortliche Arbeiten, das ich anbieten kann, ist ein großes Geschenk für beide: für mich und die Mitarbeiter. Das ist auch ein Stück Gegenwert für die Leistung.

Gregor: Was liegt Ihnen momentan im Haus inhaltlich besonders am Herzen?

Jürgen Reichert: Persönlich beschäftigt mich, dass eine große Einrichtung natürlich schwerer zu führen ist. Das heißt: wie können wir Einheiten innerhalb unseres Hauses schaffen, die die Nähe bieten, die man in einer größeren Einrichtung nicht mehr haben kann. Das kann man dann im kleineren Rahmen pflegen, aber auch da muss man es tun. in zweites Thema ist, dass wir zum einerseits immer mehr Anforderungen an die Qualifikation und an die Qualität unserer Arbeit haben, aber gleichzeitig die Mittel dazu relativ weniger werden. Der Staat kann oder will nicht mehr Geld zur Verfügung stellen. Wir haben mehr Fälle zu bearbeiten, die Vorgaben sind heute wesentlich enger und kritischer und es bleibt wenig Zeit zum Atem holen. Man muss darauf achten, dass darunter die Qualität nicht leidet. Das ist meine größte Sorge, denn was die Menschen, mit denen wir zu tun haben brauchen, ist Zuwendung und Zeit. Also Zeit, die man sich für sie nimmt, weil sie oft natürlich in Abbrüchen waren und gemerkt haben, da hat jemand keine Zeit für sie, man will sie nicht mehr.

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Diese Zeit brauchen wir, um gebrochene Lebensbiografien wieder zu stabilisieren, Vertrauen zu vermitteln, Zuverlässigkeit zu geben. Aber Zeit kostet eben am meisten Geld und deshalb ist das meine größte Sorge: dass wir immer weniger Zeit haben für etwas das eigentlich mehr Zeit bräuchte. Wir haben auch immer mehr Teilzeitkräfte, das heißt wir haben weniger Stellen, mit denen man eine Familie ernähren kann und damit gut auskommen. Das Geld reicht dann nicht so weit, dass einer sich ganz auf den eigenen Beruf konzentrieren kann. Manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben zwei, drei Beschäftigungen, auch innerhalb des Hauses, was einen natürlich ein Stück weit zerreißt. Da würde ich mir wünschen, dass wieder mehr Ganzheitlichkeit möglich wäre in der Zukunft.

Gregor: Und was sind die positiven Aspekte?

Jürgen Reichert: Positiv ist, dass wir nach wie vor eine hoch motivierte Mitarbeiterschaft haben. Und dass wir uns aus eigener Kraft finanziell erhalten, bis auf unsere Stiftungserträge und Spenden, die wir Gott sei Dank bekommen. So kommen wir in etwa jedes Jahr „hin“. Und freue mich auch darüber, dass es uns in den letzten Jahren gelungen ist, tolle neue Projekte zu entwickeln: wir waren Vorreiter bei der Jugendsozialarbeit an Schulen, wir haben das Kinderhaus als erstes Gemeinschaftsprojekt dieser Art auf den Weg gebracht, wir haben die Arche für psychisch kranke Mütter mit ihren Kindern eröffnen können, einmalig in Schwaben, wir haben die Kindersprechstunde für Kinder psychisch kranker Eltern und wir haben ein Leistungsvolumen mit der Stadt Augsburg vereinbart, mit dem wir sehr viel flexibler auf den Bedarf der Menschen eingehen können.
Das sind insgesamt sehr moderne und bedarfsgerechte Angebote für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen. Die St. Gregor-Jugendhilfe ist eine hoch qualifizierte Einrichtung, die auf vieles auch eine Antwort geben kann und sehr oft „ die Nase im Wind hat“. Wenn Problemen entstehen, haben wir eigentlich immer ein paar gute Ideen zur Lösung. Das liegt an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, an deren Interesse an der Arbeit. Das ist sehr positiv und daher hat die Einrichtung die bester Voraussetzungen für die Zukunft.

Gregor: Und wofür hätten Sie selbst in Zukunft gerne etwas mehr Zeit? Wo schaffen Sie sich jetzt schon Ihren persönlichen Ausgleich?

Jürgen Reichert: Neben der Funktion als Einrichtungsleiter und anderen Funktionen sind meine Möglichkeiten natürlich sehr eng, was den privaten Bereich anbelangt. Ich habe drei kleine Enkel, mit denen würde ich gern mehr Zeit verbringen. Ausgleich suche ich bei ein bisschen Sport. Wenn ich die Chance habe, beim Golf spielen aber das ist ja ein Sport, der viel Zeit braucht, also komme ich nicht oft dazu.
Ich versuche, Zeit für gute Gespräche zu haben. Ich schaue fast nicht fern, höre eher Radio. Das ist für mich kreativer, um die Gedanken anzuregen. Ich lese leider zu wenige Bücher, dafür hätte ich gern mehr Zeit. Ich würde auch manchmal gern einen guten Film ansehen. Aber noch ist meine Physis im guten Einklang mit meinem Geist. Das ist ganz entscheidend, dann kann man auch seine Tätigkeiten befriedigend für sich selbst und für andere ausführen. Und ich schöpfe aus all’ den guten Gesprächen etwas, die ich während des Tags führen kann. Die bedeuten ja nicht nur Arbeit. All die Begegnung mit Menschen sind sehr hilfreich, um wieder etwas dazuzulernen. Man sollte auf Alles möglichst einen positiven Blick haben, seine Zeit als Reichtum schätzen und als ein Geschenk. Unsere Arbeit ist ja auch jeden Tag ein Geschenk, das wir bekommen. Wer so viel mit Menschen arbeitet, darf sich auch mit so vielen Ideen kreativ auseinandersetzen. Wir haben ein angenehmes Arbeitsumfeld, denn wir sehen den Sinn in der Arbeit unmittelbar jeden Tag, in der Begegnung mit den Betroffenen. Das ist hoch befriedigend, hoch motivierend und muss nicht belastend sein, kann sogar entlastend sein. Man muss nur in einem guten Gleichklang sein.